• DAZ 17.08.2020:

    1001 Nacht: überraschend statt märchenhaft

    Theater Figuro lässt im Roßweiner Rathaussaal skurrilen Charme der alten Geschichtensammlung aufleben

    Roßwein. Wer am Samstagabend im Roßweiner Rathaussaal bei der Premiere von „1001 Nacht“ eine neue Interpretation von „Aladin und die Wunderlampe“ oder „Alibaba und die 40 Räuber“ erwartet hatte, musste sich schnell eines Besseren belehren lassen. Allerdings entführten Alexej und Aleš Vancl mit ihrem „Theater Figuro“ (Theater mit Puppen) die Zuschauer sehr wohl in die – bisweilen – betörende Welt des Orients. Allein märchenhaft im landläufig bekannten Sinn war wenig von dem, was zu sehen war, eher skurril, überraschend, komisch-abstrus, sinnlich, aber auch traurig. Unter dem großen Leuchter im Rathaussaal, der das Bühnenbild wunderbar komplettierte, erschufen die beiden Protagonisten in der Regie von Frank Soehnle aus Tübingen eine poetische Welt, in der sie als Mensch und Tier, Mann und Frau von Kummer und Glück, Elend und Reichtum, Erotik und Schmerz erzählen. Da geht es um Männer, die sich mit der Königin vergnügen und dies mit einer Verwandlung bezahlen. Um Eifersucht und Rache zwischen Eheleuten. Um Respekt dem Anderen gegenüber.

    In knappen Sequenzen arbeiten sich Alexej und Aleš Vancl dabei durch die Sammlung für Erwachsene, wählen aus dem Märchenbuch, das jeder zu kennen glaubt und aus dem doch die meisten Erzählungen unbekannt sind. Wie immer brauchen sie dafür nicht viele Worte, wenn, dann sind es meist Originalzitate aus den Geschichten. Ihre Art der Erzählung lebt von Bildern, die sie im selbst gestalteten Bühnenbild – einem achteckigen Holzgestell mit Zelt in der Mitte – malen: mit Puppen, Masken, Bewegungen, Mimik, Gestik. Mit Düften, Licht und Schatten. Und mit Klängen. Für die sorgt Amir Kalhor – zauberhaft und authentisch. Der gebürtige Iraner gibt Einblicke in die persische Musiktradition, zaubert Töne aus Töpfen, kleinen Glocken am Fuß und traditionellen Instrumenten wie Barbat, Daf und Nej.

    Innerhalb dieses intensiv gezeichneten Rahmens bleibt dem Zuschauer trotzdem jede Menge Raum für die eigene Phantasie, auch wenn die Grundstimmung ganz klar Sache der Akteure auf der Bühne ist. Sie lenken den Zuschauer und seine Gefühle, lassen ihn schmunzeln, laut lachen, erschrecken oder auch innerlich zart erröten angesichts erotischer Anspielungen.

    Das 60-minütige Stück ist ab 14 Jahren und in der Tat eher Unterhaltung für Erwachsene. Zu sehen wird die Produktion auch in drei Vorstellungen im Döbelner Volkshaus. Entstanden ist sie in Kooperation mit dem Verein Freiraum, Förderer sind der Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen, die Städte Roßwein und Döbeln, Chemnitz und die Kreissparkasse Döbeln.

    Manuela Engelmann-Bunk (mit freundlicher Genehmigung)